Hollywood

Glanz und Scharfsinn

Von Lorenz Lorenz-Meyer

"Any girl can be glamorous. All you have to do is stand still and look stupid", meinte Hedy Lamarr. Daß die glamouröse Hollywoodschauspielerin der vierziger und fünfziger Jahre zu mehr in der Lage war, bewies sie während des Zweiten Weltkriegs: Gemeinsam mit dem Avantgardekomponisten George Antheil entwickelte Lamarr eine Militärtechnologie, die heute den Cyberspace revolutionieren könnte. Aus diesem Grund sind die beiden für den "Pioneer Award" der Electronic Frontier Foundation nominiert worden, der im März verliehen wird.

Wenn sich im März in San Francisco die amerikanische Hackerprominenz zu einem ihrer wichtigsten jährlichen Ereignisse, der Konferenz "Computers, Freedom and Privacy" (CFP), versammelt, wird höchstwahrscheinlich unter den Teilnehmern ein temperamentvoller älterer Herr mit einem grauen Spitzbart und einer gewaltigen Brille sitzen und gespannt auf ein Ereignis warten, das er mit großem Einsatz vorbereitet hat. Auf der CFP werden die "Pioneer Awards" der Electronic Frontier Foundation (EFF) vergeben, an Personen, die sich in besonderem Maße um die Entwicklung des Cyberspace verdient gemacht haben.

Dave Hughes hat selbst im Jahr 1993 einen "Pioneer Award" der EFF erhalten. Der ehemalige Offizier der amerikanischen Army und Veteran zweier Kriege ist seit vielen Jahren ein begeisterter Onliner und ein Pionier der drahtlosen Datenübertragung. Erst jüngst hat er als Leiter eines von der National Science Foundation finanzierten Feldversuchs bei der Federal Communications Commission die Zulassung kostengünstiger drahtloser Datenübertragungstechnologien für die Vernetzung amerikanischer Bildungseinrichtungen durchgesetzt.

Aber diesmal wird Hughes in San Francisco nicht auf eine Ehrung in eigener Sache warten. Er hat vielmehr die Nominierung zweier anderer Kandidaten betrieben, die für die Vorgeschichte seiner eigenen Arbeit von enormer Bedeutung waren - zweier Kandidaten, die auf den ersten Blick so wenig in diesen Rahmen passen wie Madonna in den Vatikan. Der eine ist ein bereits vor nahezu vierzig Jahren verstorbener Komponist, die andere eine greise Hollywood-Diva.

Die Geschichte nimmt ihren Ausgang in Europa und sie beginnt mit einem Skandal. Hedwig Kiesler, 1913 in Wien geborene Bankierstochter, badete 1932 in dem tschechischen Film "Extase" unbekleidet in einem See und verschaffte damit der Filmgeschichte die erste aufsehenerregende Nacktszene. Ihre anschließende Hochzeit mit Fritz Mandl, einem schwerreichen österreichischen Munitionsfabrikanten, setzte der hoffnungsvollen Filmkarriere der Max-Reinhardt-Schülerin ein vorläufiges Ende. Der Chef der Hirtenberger Patronen-Fabrik nahm seine junge Frau in Sicherheitsverwahrung und bemühte sich vergeblich, alle am Markt befindlichen Kopien des anrüchigen Films aufzukaufen. Hedwig Kiesler-Mandl erlebte eine quälende Zeit im goldenen Käfig, in der sie als repräsentative Gattin gezwungen war, an endlosen Geschäftsgesprächen ihres tyrannischen Ehemanns mit seinen Nazi-Kunden teilzunehmen.

Aber Mandl übersah, daß seine Frau nicht nur Schönheit, sondern auch Intelligenz und Willenskraft besaß. Sie ließ sich 1937 scheiden und setzte sich, abgestoßen nicht nur von ihrem Ehemann, sondern auch vom Nationalsozialismus, mit dem er sympathisierte, in die Vereinigten Staaten ab, um ihre Laufbahn als Schauspielerin in Hollywood fortzusetzen. Louis B. Mayer von Metro-Goldwyn-Mayer nahm sie unter Vertrag, unter der Bedingung, daß sie den skandalbesetzten Namen Kiesler ablegte - "Extase" war in den USA verboten worden - und sich fortan Hedy Lamarr nannte.

Es begann eine glanzvolle Hollywood-Karriere, in der Lamarr in 27 Filmen auftrat, an der Seite von Schauspielern wie Clark Gable, Claudette Colbert, Judy Garland, Spencer Tracy und James Stewart. Doch die Schauspielerei war Hedy Lamarr nicht genug. Sie wollte einen Beitrag dazu leisten, den Vormarsch der Nazis in Europa zu stoppen. Lange bevor die amerikanische Öffentlichkeit die braune Bedrohung wirklich ernstnahm, arbeitete Lamarr, inspiriert nicht zuletzt durch Erinnerungen an die Gespräche über Waffentechnologien in der Alpenvilla ihres Ex-Gatten, mit wachem Verstand und großer technischer Begabung an Ideen zur Bekämpfung des Hitler-Regimes. Keine leichte Aufgabe für eine Frau in einer Welt des schönen Scheins.

Auf einer Dinner-Party in Hollywood im Jahre 1940 fand Hedy Lamarr schließlich einen verwandten Geist - den amerikanischen Avantegardemusiker George Antheil, der sich damals als Filmkomponist sein Geld verdiente.

Sie diskutierte mit Antheil das Nazisystem und bombardierte ihn mit einer ganzen Reihe von technischen Vorschlägen, wie man die Rüstungstechnologie der Nazi-Gegner modernisieren könnte. Antheil, der selbst seine Kompositionen mit mechanischen Experimenten anreicherte, hatte genügend Ingenieursverstand, um zu begreifen, daß seine bemerkenswerte Gesprächspartnerin ihm keine Spinnereien vortrug. Er begriff nicht alles, was sie ihm zu erklären versuchte, aber mindestens eine von Lamarrs Ideen leuchtete ihm ein, und sie verabredeten sich in ihrem Haus im Benedict Canyon, um den Gedanken weiter auszuarbeiten.

Auf einem Teppich liegend, mit einer silbernen Streichholzschachtel und deren Inhalt als Modellbaukasten, entwickelten die beiden ein Gerät zur abhör- und störungssicheren Funkfernsteuerung von Torpedos. Die zugrundeliegende geniale Idee: Das Funksignal, mit dem das Torpedo gelenkt wird, sollte nicht auf einer einzelnen Frequenz übermittelt werden, sondern auf einer willkürlich gewählten Folge unterschiedlicher Frequenzen. Damit würde es einem Gegner, der diese Folge nicht kennt, nahezu unmöglich, das Leitsignal zu belauschen oder zu stören. Es kam nur darauf an, die Sequenz bei Sender und Empfänger zu synchronisieren.

Hier kam den beiden Erfindern Antheils musikmechanische Vorbildung zugute. Er erkannte, daß sich das Prinzip des automatischen Klaviers, das mittels einer Art Lochstreifen gesteuert wird, für die Synchronisierung nutzen läßt. Es entstand der Entwurf für ein Torpedolenksystem auf 88 Frequenzen - entsprechend den 88 Tasten der Klaviatur.

Die beiden Konstrukteure ließen ihren Entwurf von einem technischen Zeichner illustrieren und reichten ihn auf Rat des Gründers des National Inventions Council, Dr. Kettering, am 10. Juni 1941 beim amerikanischen Patentamt ein. Hedy Lamarr äußerte bei dieser Gelegenheit den Wunsch, regelmäßig für Dr. Kettering und den "National Inventions Council" zu arbeiten. Man überredete sie jedoch, nicht für diese Idee ihre glänzende Filmkarriere zu opfern - im Sinne des technischen Fortschritts wahrscheinlich kein besonders glücklicher Rat, wie man im Nachhinein sagen kann.

Das Patent wurde am 11. August 1942 gewährt. Seine Nutzung überließen die Erfinder dem amerikanischen Militär. Bereits am 1. Oktober 1941 erschien eine kurze Meldung auf Seite 24 der NEW YORK TIMES, in dem auf Hedy Lamarrs erstaunliche Leistung hingewiesen wurde. Worum es sich bei ihrer Erfindung genau handelte, durften die Leser damals jedoch nicht erfahren, denn, so wurde berichtet, die Regierung erlaube aus Gründen der nationalen Sicherheit keine Veröffentlichung von Details. Der Chefingenieur des National Inventions Council, Colonel L. B. Lent, gab kund, die Erfindung gehöre seiner Ansicht nach in die Kategorie "red hot".

In der Tat verschwand die Erfindung von Lamarr und Antheil in den gut verschlossenen Schubladen der Militärs, die lange Zeit keinen Gebrauch davon machten - die Zeit und die Technologie waren noch nicht reif für eine effiziente Umsetzung des Patents. Erst 1962 kam es während der Kuba-Krise zu einem ersten Einsatz der Technik. In den darauffolgenden Jahren jedoch wurden die Prinzipien des Patents unter den Fachbegriffen spread spectrum und frequency hopping eine Grundlage in der Kommunikationstechnologie der amerikanischen Militärs. Laut dem amerikanischen Wirtschaftsmagazin FORBES bildeten sie unter anderem die Basis für die Kommunikationssicherheit im 25 Milliarden Dollar teuren strategischen MILSAT-Verteidigungssystem.

Ende der siebziger Jahre erschien zum ersten Mal eine öffentlich zugängliche wissenschaftliche Publikation, die den aktuellen Stand der Forschung zum Thema Spread Spectrum dokumentierte, und Anfang der achtziger Jahre begann man mit der zivilen kommerziellen Nutzung. Erst in den letzten Jahren jedoch wurde es durch die massiven Leistungsgewinne der Mikrochips und die sinkenden Preise für Computertechnologie möglich, das wirkliche Potential von Hedy Lamarrs Idee zu nutzen.

Ihr Konzept erlaubt nämlich nicht nur eine schnelle, abhör- und störungssichere Datenübermittlung per Funk, es ermöglicht darüber hinaus die gemeinsame Nutzung von Funkfrequenzbereichen durch eine große Anzahl unabhängig voneinander kommunizierender Funkteilnehmer. Angesichts des knapp bemessenen Frequenzspektrums und der immer noch teuren Kabelwege ist es vor allem diese Eigenschaft, die Hedy Lamarrs Patent zu einem nach wie vor revolutionären technologischen Fortschritt macht. Experten sehen in der drahtlosen Datenübertragung via Spread Spectrum die Zukunft der Kommunikationstechnologie.

Hedy Lamarr und George Antheil haben aus ihrer Leistung keinerlei materiellen Gewinn ziehen können. George Antheil starb im Jahr 1959. In diesem Jahr lief auch die Geltung des Patents aus, dessen kommerzielle Nutzung damals noch lange nicht in Sicht war. Hedy Lamarr hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und lehnte es auch ab, nach dem Tode Antheils zu einer geplanten Ehrung für ihre gemeinsame Leistung nach Washington zu kommen. Sie lebt als Rentnerin, 83jährig, in Florida. Insgesamt sechs Ehen hat sie geführt, ohne dadurch reich zu werden. Zweimal geriet sie in den letzten Jahren wegen kleiner Ladendiebstähle in die Schlagzeilen.

Sollten Lamarr und Antheil nach so langer Zeit den wohlverdienten Preis der Electronic Frontier Foundation erhalten, für den sie Dave Hughes mit Unterstützung zahlreicher Netizens nominiert hat, so wird Hedy Lamarr die Reise nach San Francisco zur Preisverleihung wahrscheinlich nicht mehr antreten können. Ihr Sohn hat sich bereit erklärt, sie dort zu vertreten. Daß sie sich über den Preis freuen würde, daran besteht jedoch kein Zweifel.

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